„… etwa wie das Singen eines Kindes im Schlafe.“ Frédéric Chopins gesangliche Virtuosität

Häufig findet sich in historischen Quellen der Hinweis, Chopin habe über alle(n) Maßen gesanglich gespielt. Was das
aber konkret pianistisch heißt, bleibt meist im Dunkeln. Genauso unklar ist seither, ob sich besagte Gesanglichkeit auch
auf virtuose Werke erstreckt und wenn ja, in welcher Weise. Der Pianist Hardy Rittner hat sich im Rahmen seiner künstlerischen Forschung zur Gesanglichkeit bei Chopin mit Quellen befasst, die eine neue Perspektive auf den kantablen
Duktus in Chopins gesamtem Werk eröffnen. Durch die Auswertung zweier zentraler neuer Quellen lässt sich
zeigen, dass Chopins kantabler Duktus quasi omnipräsent war. Darüber hinaus wird transparent, was Chopins Klavierspiel pianistisch charakterisierte: ein umfassendes Überlegato sowie (nicht nur) vom Belcanto inspirierte melodische Hervorhebungen, die oft mit einer erheblichen Zurücknahme der als nicht melodisch erachteten Kontexttöne einhergingen.
In klarer Abgrenzung zur musikalischen Hauptsache sah diese Spielweise („meine Art“) in virtuosen Passagen nicht selten
nur eine zarte Begleitung. Entsprechend beschreibt Robert Schumann Chopins Spiel seiner Etude op. 25, Nr. 2 als „so
reizend, träumerisch und leise, etwa wie das Singen eines Kindes im Schlafe.“
Die Forschungsarbeit Rittners fördert überraschende Erkenntnisse zu Tage, die auf alle Genres Chopins zutreffen.
Dies führt unter anderem zu der Einsicht, dass unser bisheriges Verständnis des Chopin’schen Bravour-Repertoires nicht
dem entspricht, was genuin intendiert war.
Die oben skizzierten Erkenntnisse musikalisch umsetzend, präsentiert der Konzertabend ein verändertes Bild von Chopins brillanten Werken und rekonstruiert eine höchst eigenwillige Klanglichkeit, deren Verwirklichung auf einem historischen Pleyel-Flügel von 1851 freilich besonders lohnenswert ist.

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